Michael Haller:

Interessant ist, was noch niemand weiß

MH – 16. Februar 2009

Was haben »personal news«, »Print on demand« und der angekündigte Tod von »Zoomer« gemeinsam?

»Zeitung wie es mir gefällt« – Die Branchendienst-Schreiber jubeln, dass wir uns jetzt wie aus dem Baukasten die ideale Zeitung selber zusammenstellen können: »Politik aus der ›Süddeutschen‹, Wirtschaft aus der ›FAZ‹ und Klatsch und Tratsch über Promis aus der ›Bild‹ in einem Blatt« (turi2). Diese Lobeshymen gelten dem von der Schweizer Post gestarteten Experiment »personal newspaper«. Bei diesem Test bestellen hundert Bezüger ihre persönliche Morgenlektüre, indem sie aus zwanzig Titeln, darunter vier Schweizer Zeitungen und 16 aus Deutschland, Österreich, Spanien und den USA auswählen konnten. Der Sampler wird von der Post »druckfrisch« oder auch elektronisch angeliefert. Die Rettung der Tagespresse dank Mehrfachverwertung?

Ähnliche Tests werden auch in anderen Regionen, etwa in Berlin unternommen. Das Neue daran ist, dass tagesaktuelle Nachrichten nach Maßgabe der Kundennachfrage selektiert und gebündelt werden. Diese Geschäftsidee hat ja schon Google mit seinem »news«-Service zur Marktgängigkeit entwickelt.

Auf den ersten, ökonomisch geschulten Blick erscheint diese Geschäftsidee prima, weil es dem Kunden den ganzen Müll des Unnötigen fernhält; er informiert sich höchst effizient. Auf den zweiten Blick indessen entpuppt sich dieses Muster als eine Karikatur dessen, was wir mit »Informationsgesellschaft« meinen.

Nach Maßgabe unserer aktuellen Leserforschungen werden solche Konzepte im Newsbereich nicht funktionieren. Der Grund: Die meisten Erwachsenen wollen sich über das aktuelle Weltgeschehen ins Bild setzen und Neues erfahren. Also Nachrichten über Vorgänge, über die sie noch nichts wissen und die sie nicht suchen können. Diese Bürger verlassen sich nicht auf Suchmaschinen, die wie Google-news maschinell selektieren, sondern auf die journalistischen Profis in Nachrichtenredaktionen (jedenfalls, soweit sie glaubwürdig sind – vgl. die innert zehn Jahren gegen den Trend gestiegene Auflage der Süddeutschen). Zwar schätzen sie die mit den digitalen Technologien entwickelten Möglichkeiten der automatisierten Informationsselektion. Doch dies gilt dort, wo man die ins Unendliche anwachsenden Wissensbestände sinnvoll sortieren und verwerten möchte. Ganz anders ist es mit Nachrichten, die Neuigkeiten vermelden. Hier werden Kompetenzen verlangt, die kein auf Rankings programmierter Suchmodus bieten kann.

Dies ist meiner Meinung nach auch der Grund, weshalb das Experiment »Zommer.de« scheitern musste – und ähnlich gestrickte Nachfolger scheitern werden. Der Untertitel des Nachrichtenportals trägt bereits die Botschaft des Scheiterns in sich. »Du entscheidest, was wichtig ist!« (zoomer.de). Es ist die Idee, dass die Konsumenten mit ihren Klicks und Kommentaren den Nachrichtenwert bestimmen – sie bestimmen bestenfalls den Unterhaltungswert. Zum Beispiel der 16. Februar. Da wurde mit weitem Abstand als Topthema auf Platz 1 gesetzt: »Oh Gott, was ist nur mit den deutschen Torhütern los!« Auf Rang 2: »Hexenjagt auf Computerspieler – ein User wehrt sich«, gefolgt vom Thema »Unglücksmaschine von Buffalo flog per Autopilot«. Und so weiter.

Am selben Tag berichteten die journalistischen Medien: »Atom-U-Boote im Atlantik zusammengestoßen« und »Müntefering gegen Banker-Boni« und »Ministerin verkauft steigende Geburtenrate als ihren Erfolg« und »21 Flüchtlinge ertrinken vor Lanzarote« und und …

Vor drei Wochen gab Holtzbrinck bekannt, dass »Zoomer.de« Ende Februar den Dienst einstellen wird, mangels Reichweite und folglich mangels Werbeeinnahmen. Technisch war Zoomer völlig okay, und auch das Layout stimmte. Sein Problem ist sein gesamtes Konzept. Es funktioniert so wenig, wie »personal news« funktionieren wird. Zum Glück für den Teil der Gesellschaft, der auch in Zukunft informiert sein will.