
Streit um den Egon Erwin Kisch-Preis
Was ist eine Reportage?
Die Jury des bislang top renommierten Egon Erwin Kisch-Preises hat vergangenen Montag dem SPIEGEL-Redakteur René Pfister wieder weggenommen, was sie ihm ein paar Tage zuvor mit viel Pomp überreicht hatte.
Dieser in Deutschland bislang einmalige Vorgang ist für alle Beteiligten wie auch für die Reputation des Egon Erwin Kisch-Preises derart folgenreich, dass er sehr plausibel begründet und für jeden Unbefangenen nachvollziehbar sein muss. Ist er es?
Halten wir die für journalistische Qualität und damit auch für eine allfällige Preisvergabe entscheidenden Kriterien fest (siehe M. Hallers Beitrag für den Henri Nannen-Preis 2007):
Erstens: Auszuzeichnen war die Darstellungsform »Reportage«. In der Geschichte dieser Textform haben sich folgende Qualitätskriterien herausgebildet, die in der Theorie und Praxis des Journalismus unstrittig gelten: Das wichtigste Material, mit dem der Reporter arbeitet, sind seine eigenen Sinneseindrücke, angereichert mit recherchiertem Kontext- und mit Erfahrungswissen. Weil aber nicht alles erlebt werden kann, sondern vieles ermittelt und nacherzählt werden muss, steht an zweiter Stelle das Kolportagenmaterial: Der Reporter erzählt auch das, was ihm erzählt wurde. Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die gedanklich-analytische Arbeit des Reporters, der mit seinen Erkundigungen zu einer Art Quintessenz gelangen muss. Und schließlich der Erzählgestus des Reporters: Er organisiert sein Material mit einer sinnlich-anschaulichen Sprache nach den dramaturgischen Regeln des Storytelling. Es gilt die alte Faustregel: Wer nichts erlebt hat, kann auch nicht erzählen, es sei denn, er flunkert.
Hat der Autor Pfister geflunkert? Eine Schwierigkeit entsteht, wenn der Reporter (zu) wenig selbst erlebt hat, um eine Geschichte hautnah erzählen zu können, und deshalb auf reiches Kolportagenmaterial angewiesen ist. Jeder Reporter kennt dieses Problem. Seine Auflösung geht so: Du musst vor deinen Lesern kenntlich machen, dass Du kolportierst, also indirekte Rede, zumindest Quellentransparenz (siehe unseren Bericht: »Ewas Magazin-Leser glauben«).
Man kann diesen Ausweg sprachlich interessant bewältigen. Doch viele Medien scheuen ihn, weil er nicht so selbstgerecht, nicht so omnipotent (»Wir sind Alleswisser!«) wirkt.
Wäre Pfisters Text überhaupt in Betracht gekommen, wenn er seine Kolportagen offen gelegt hätte? Flunkern nicht die meisten Reporter Authentizität auch dort vor, wo sie Aussagen Dritter verwerten? Mir fallen verschiedene Fälle und Beispiele ein – egal. Denn vor allem in Deutschland herrscht unter Reportern ein Stillschweigen darüber, wie weit auktoriales Schreiben zulässig ist (nämlich, dass sich der Autor als Herrgott seines Protagonisten geriert, indem er weiß, was jener denkt und fühlt – siehe die einschlägigen Passagen im Pfister-Text).
Natürlich wird der eingefühlte, der mitdenkende Reporter, der seine Protagonisten hautnah begleitet, auch auktoriale Formulierungen gebrauchen dürfen (müssen), nun eben, weil er sich einfühlen kann und herausspürt, wie sein Gegenüber »tickt« (ich denke dabei an so manches Politikerporträt von Jügen Leinemann und Sibylle Krause-Burger). Die Irreführung der Leser beginnt indessen dort, wo mit Hilfe des auktorialen Schreibens eingefühlte Hautnähe vorgetäuscht, es aber keine erlebte Realität ist.
Zweitens: Der SPIEGEL ist ein Nachrichtenmagazin. Auch wenn die besten Reporter Deutschlands seit vielen Jahren zur SPIEGEL-Redaktion gehören und sie exzellente Geschichten schreiben, gründet sich das publizistische Profil des SPIEGEL auf die Informationsleistung: Für das USP des SPIEGEL ist die inhaltliche Qualität (»Was«) das Wichtigste, gefolgt von der Vermittlungsleistung, der Nachrichtemagazinschreibe (»Wie«). Deshalb ist und bleibt die den Spiegelgeschichten zugrunde liegende Rechercheleistung ausschlaggebend, ob nun per Augenschein oder Faktenüberprüfungsrecherche, ob als Personenbeschreibung oder per Investigation.
In der Tradition der SPIEGEL-Geschichte ist die Frage, wie mit Kolportagenmaterial umzugehen ist, schnell beantwortet: Entscheidend ist, ob die Tatsachen und der Sachzusammenhang (wie: Chronologie) stimmen. Wenn ich das mir Erzählte überprüfen und unstrittig machen kann (wenn also unabhängige Quellen über den Vorgang grosso modo dasselbe sagen), kann ich den Vorgang im Indikativ als Tatsache beschreiben. Viele knallharte SPIEGEL-Enthüllungen stützen sich auf nichts anderes als auf überprüftes Koportagenmaterial. Und das ist auch in Ordnung so.
Drittens: Die gut zu lesende, gefällige Nachrichtenmagzingeschichte braucht (mindestens) einen Protagonisten (Personalisierung), sie arbeitet mit szenischem Material, mit O-Ton und Episoden. Sie will immer auch »szenig« sein, daran erkennt man ihre Herkunft aus der Tradition des angloamerikanischen Features, keineswegs der Reportage. Es hat darum seine innere Logik, dass die »typische« Spiegelgeschichte früher ohne Namen gezeichnet war: Hinter den Sachaussagen stand die Institution SPIEGEL mit seinen zahlreichen Kolporteuren, seinen Quellen und seiner Dokumentation. Und wenn im Indikativ geschrieben wurde, dann war man sich entweder sicher oder schrieb wider besseres Wissen (auch das kam gelegentlich vor). Daneben gab es, deutlich abgegrenzt, die namentlich gezeichnete, mithin subjektive Schreibe: die subjektiv erzählende Reportage, den Essay, das SPIEGEL-Gespräch und gelegentlich auch den Kommentar.
Folgerungen: Der Text, den René Pfister eingereicht hat, folgt in der Machart der klassischen Technik der gefietscherten Magazingeschichte, die auch Kolportagenmaterial verwurstet, soweit es stimmig und zutreffend ist. Seine Schreibe kommt im Kleid der stilistisch polierten, hin und wieder Hautnähe simulierenden Beschreibung daher. Und er tut dies ohne jede Heuchelei: Wer genau liest, spürt den Mangel an Authentizität und sieht auch, dass das Storytelling komplett fehlt.
Im Sinne der klassischen SPIEGEL-Geschichte geht Pfisters Text ja auch in Ordnung: Seine Beschreibungen scheinen sachlich zutreffend zu sein, sein Material hat er wie Belegstücke zu seiner These überwiegend chronologisierend geordnet. Zur umstrittenen Modelleisenbahn-Passage seines Textes sagte Pfister dem Tagesspiegel: »Es ist die Schilderung dessen, was ich in langer Recherche über Seehofer und seine Modelleisenbahn zusammengetragen habe.«
Wieso wird solch ein Text zur Reportage gemacht? Dass alle SPIEGEL-Geschichten seit der Ära Aust namentlich gezeichnet werden, ist in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Damit entstand aber auch das Problem der zunehmenden Subjektivierung von Sachtexten und Personenbeschreibungen: Die Übertünchung der Magazingeschichte mit Schönschreibereien und pseudoreportagigen Schilderungen. In vielen Magazingeschichten liest man heute die Eitelkeit des Autors gleichsam mit. Und auch dessen Bemühung, so zu schreiben, wie es die Henri-Nannen-Preisträger tun.
Das Problem des Pfister-Textes entstammt aus meiner Sicht diesem Rollen-Dilemma: Das recherchierte Material und die Beobachtungen des Redakteurs reichten sehr wohl für eine runde Magazingeschichte, keinesfalls aber für eine Reportage im strengeren Sinne.
Das wäre ja auch nicht weiter schlimm, solange man die Qualitätsgrenzen des Textes durchschaut. Wenn man aber Reporter sein will und einen Ressortchef hat, der das Reportagige liebt (aber selbst keine stilsichere Redigierhand besitzt), entstehen Hybride, die beides sein wollen und am Ende doch keins von beidem sind. Der Autor täuscht Authentizität vor und simuliert eingefühlte Nähe durch auktoriales Schreiben; tatsächlich handelt es sich um eine gut recherchierte und stimmig komponierte Magazingeschichte, die allen gefällt und bei niemandem das unter die Haut gehende Aha-Erlebnis auslöst.
Diese mainstreamige Stilunsicherheit ist der Grund, dass dieser Text in aufrichtiger Absicht als Reportage präsentiert und von der Jury zum Spitzentext hochgejubelt wurde.
Immerhin: Auch wenn die Begründung für die Aberkennung des Preises ebenso diskutabel ist wie die Rechtfertigung der SPIEGEL-Redakton: Dieser ungeheure Vorgang gestattet es, wieder etwas gründlicher über die Funktion und die Qualität journalistischer Erzählformen laut nachzudenken.
Michael Haller ist Autor des Fach- und Handbuchs »Die Reportage« (Konstanz UVK, 7. Auflage)
Fortsetzung folgt
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