Viele Zeitungsverlage machen ihr Blatt jetzt zukunftstauglich: Ressorts werden umgebaut, coole Designs entwickelt und leserfreundliche Erzählformen eingeübt. Alles prima. Nur: Manche Renovierung zielt in die falsche Richtung, sagen die Befunde unserer Leser- und Nutzungsforschung.
In einer kleinen Serie greift Michael Haller Woche für Woche Relaunch-Irrtümer auf – nicht als Blattkritik, sondern im Sinne einer Hilfestellung

Die vielen bunten Bilder

Sein Seufzer kommt aus tiefster Brust. Der Lokalchef  blättert die aktuelle Ausgabe nochmals durch, gleich ist Stehkonferenz mit kleiner Blattkritik.  Sein Seufzer gilt den vielen Fotos, die den Lokalteil schmücken: Auf den fünf Lokalseiten sind es diesmal insgesamt 13 Bilder, allein drei auf der Aufschlagseite. Es liegt nicht an der Anzahl; die entspricht seinen Vorgaben, man will schließlich auch einen starken optischen Auftritt. Es liegt an der  Bildauswahl – an dem, was die Bilder zeigen: Auf sieben der 13 Fotos sieht man Leute, die wie im Familienalbum dastehen und in die Kamera grinsen. Drei Bilder zeigen tote Situationen, also Straßen, Häuser, Räume. Auf zwei Bildern sieht man einen Kopf, also Porträts – nur ein einziges Bild gibt eine Szene wider: einen Mann von der Müllabfuhr, wie er  einen völlig überladenen Container zum Müllwagen schiebt. Eine interessante Szene, die ein Thema zeigt.

Rasch greift der Lokalchef zu den Ausgaben der letzten fünf Tage, nimmt ein Blatt  Papier und einen Stift und macht eine kleine Strichliste: Wieviele lebendige Szenen hatten wir, wie viele tote Situationen, wie viele Gruppenfotos? Welches Geschlecht zeigen die Bilder, zu welcher Altersgruppe gehören die gezeigten Personen?  Seine Bilanz: Auf drei von vier Fotos sieht man Männer, deutlich älter als 40 Jahre.  Die Hälfte der Fotos geben Situationen wieder, die statisch sind, also keine Handlung zeigen. Nur jedes achte Bild bietet eine lebendige Szene, jedes vierte immerhin ein Gesicht, auch wenn meist mit nichts sagendem Lächeln.

Diese kleine Bilanz deckt sich weitgehend mit dem real existierenden Fotojournalismus in den Lokalteilen deutscher Regionalzeitungen: die älteren Herren in Standardsituationen dominieren. Die Zeitungsmacher haben zwar gelernt, dass die visuellen Elemente – neben Bildern und Infografiken auch Logos, grau unterlegte Textkästen und Zitat-Bonbons – beim Leser Aufmerksamkeit wecken und seinen Blick binden: Alle Menschen schauen zuerst auf die Bilder, ehe sie Text lesen, ob sie wollen oder nicht – dies zeigen die Blickverlaufsmessungen (Eyetracking) auf unbestechliche Art. Also braucht die Zeitung gute Bilder, lautet die nahe liegende Schlussfolgerung.

Viele Regionalzeitungen haben nun die Konsequenz gezogen, auf jeder Lokalseite mindestens zwei, oft auch drei Bilder zu bringen, eines davon möglichst als großflächiger Aufmacher, eines  in einem ungewöhnlichen Format, das dritte mit klassischem Bildschnitt. So weit, so gut. Was die Blattmacher bei ihrem neuen Layout indessen oft übersehen, ist der Bildinhalt. Da hat sich meist nichts verändert. Nach wie vor zücken die Fotografen (wenn denn noch solche im Einsatz sind) und die Berichterstatter ihre Kameras und knipsen die altbekannten Situationen: den Vorstand des Musikgesangsvereins nicht anders als die Fußballer aus der Amateurliga nicht anders als die neue Geschäftsleitung der Handelsfirma nicht anders als die neu formierte Ratshausfraktion nicht anders als die Lehrergruppe zum Herbstschulbeginn nicht anders als die Bowling-Herbstmeister-Crew und die vom Einsatz auf Haiti zurückgekehrte Caritas-Frauengruppe. Immer Gruppenbilder, die nichts Spezifisches zeigen.

Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedene Studien zur Bildsprache in Tageszeitungen durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Leser – egal welchen Alters – Bilder dann mit großer Aufmerksamkeit betrachten, wenn sie handelnde Personen zeigen: Köpfe oder Menschen, die nicht einfach stehen und in die Kameras grinsen oder glotzen, sondern Menschen, die aktiv etwas tun, das direkt mit dem Thema verbunden ist, etwa gestenreich sprechen, mit den Händen etwas tun oder sich bewegen, mit jemandem interagieren usw.

Die Blickverlaufsstudien ergaben auch, dass der Blick eines Zeitungsleser kaum länger als zwei Sekunden auf dem Foto verweilt. Es muss schon ein sehr wichtiges, spannendes oder erregendes Bildthema sein, wenn die Betrachtungszeit drei Sekunden übersteigt. Daraus folgt unmittelbar, dass das Foto so fotografiert und geschnitten sein muss, dass man den Bildinhalt sofort – innerhalb von zwei Sekunden – verstanden hat. Und wenn die auf dem Bild gezeigten Personen mit der Bildunterschrift genannt und deren Handlungszusammenhang erläutert werden muss, so darf diese Zusatzzeit nicht länger als weitere zwei Sekunden in Anspruch nehmen. In jeder Lokalredaktion kann man nach diesen Vorgaben die Güte jedes Bildes unter KollegInnen testen: Wenn nach rund drei Sekunden die Botschaft des Bildes nicht verstanden wurde, kann man es aussortieren. Denn nach spätestens dieser Zeit steigen die Leser aus – und blättern meist gleich weiter und lesen nichts mehr auf der Seite; es ist eine Art Trotzreaktion, die im Vorbewussten abläuft und mit Frustration zu tun hat.

Im Zeitalter der permanenten Visualisierung hat die Bildsprache eine enorm große Bedeutung  erlangt, ganz besonders für die schriftlastige Tageszeitung. Sogar die Neue Zürcher Zeitung und die Frankfurter Allgemeine mussten diese Einsicht nachvollziehen und ihr Layout mit großen Farbbildern bereichern. Doch wie gesagt: Die Visualität der Zeitung erschöpft sich nicht mit der Zahl und Größe der Fotos – noch wichtiger ist deren Inhalt, ist ihre Aussage: die abgebildeten Akteure sollen handeln!

Im Lokalteil ist noch ein weiteres Merkmal besonders wichtig: die Repräsentation des Stadtlebens. »Ihren« Lokalteil lesen die meisten Leser so, dass sie im Kopf das öffentliche Leben mitvollziehen und die beschriebenen Personen kennen und emotional begleiten, sich mitunter auch  identifizieren wollen. Ein Lokalteil, der überwiegend Herrn über 40 Jahre zeigt (weil diese Leute in den Vorständen und Geschäftsleitungen gehäuft auftreten und die Zeitung mit Gratisfotos versorgen), grenzt junge Erwachsene und Frauen systematisch aus. Die Zeitung darf sich nicht wundern, dass diese zwei Zielgruppen unter ihren regelmäßigen Lesern massiv unterrepräsentiert sind. Wenn Frauen überwiegend in den überkommenen Frauenrollen gezeigt werden, wenn junge Erwachsene meist nur im Zusammenhang mit Freizeit, Pop und Drugs ins Bild kommen, darf sich die Chefredaktion nicht wundern, wenn ihr Blatt bei den jungen Frauen null Geltung hat.

Unser Lokalchef ging mit seiner Strichliste in die Konferenz und machte Blattkritik – nicht, um seine Kollegen zusammenzustauchen, sondern um die Augen zu öffnen. Um für jedes neue Thema, jeden Berichterstattungsanlass die Illustrationsmöglichkeiten durchzusprechen und Anregungen zu geben, wie das Thema gedreht und eine für junge Leute interessante Perspektive gefunden werden könne. Die Konferenz ging diesmal dreißig Minuten länger. Es war nicht umsonst. Bereits in den Ausgaben der folgenden Tage waren die Bilder nicht mehr nur groß, sondern auch lebendiger – und vielfältiger, was Alter, Geschlecht und Szenen betrifft. Wir sind uns sicher: Ohne einen Cent mehr auszugeben, konnte diese Lokalredaktion die Verweildauer ihrer Leser im Lokalteil messbar erhöhen und auch ein paar junge Leute zum Lesen animieren.

Fortsetzung folgt

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