Viele Zeitungsverlage machen ihr Blatt jetzt zukunftstauglich: Ressorts werden umgebaut, coole Designs entwickelt und leserfreundliche Erzählformen eingeübt. Alles prima. Nur: Manche Renovierung zielt in die falsche Richtung, sagen die Befunde unserer Leser- und Nutzungsforschung.
In einer kleinen Serie greift Michael Haller Relaunch-Irrtümer auf – nicht als Blattkritik, sondern im Sinne einer Hilfestellung.

Lang und immer länger

Nein, wir reden hier nicht über Kai Diekmann und die taz. Sondern über den Umbau des überregionalen Nachrichtenangebots in vielen Regionalzeitungen: Auf den Innenseiten werden immer häufiger gefällig umbrochene, lange Erzählgeschichten mit mächtigem Bildauftritt präsentiert. Die Begründung: Online bringt den aktuellen Nachrichtenstoff unschlagbar schnell, also müssen wir auf Hintergrundberichte und große Geschichten setzen.

Ob in Wien am europäischen Newspaper-Kongress, ob an BDZV-Zeitungskonferenzen oder beim Printgipfel der Münchner Medientage: Gebetsmühlenartig predigt die Blattmacher-Prominenz ihren Zuhörern, dass aus der Zeitung eine täglich erscheinenden Wochenzeitung werden muss: große Erzählstücke, viel Subjektives, bunte Geschichten aus dem Alltag nebenan, über People und Kuriosa.

Was daran ist falsch? Es sind drei Irrtümer.

Erstens: Wir haben die Abo-Auflagenentwicklung von fünf Regionalzeitungen, die in den letzten zwei Jahren auf große Texte umgebaut haben, mit solchen Zeitungen verglichen, die unverändert bei »kurz-lang« – also aktuellen Nachrichtenstoff sowie mittellange Berichte und wenige große Stücke – geblieben sind. Die zweite Gruppe weist eine eindeutig bessere Abo-Auflagenbilanz aus.

Zweitens: Bei einer Umfrage unter Abonnenten einer norddeutschen Lokal-/Regionalzeitung, an der sich mehr als 4.800 (!) LeserInnen beteiligt haben, wurde auch nach dem Nutzungsinteresse gefragt. An erster Stelle wurde »umfassende Orientierung über das aktuelle Geschehen« genannt: Die Leser wollen auch weiterhin ihre Tageszeitung als Primärmedium – soll heißen: sie wollen die Gewissheit haben, dass alles aktuell Wichtige in ihrer Zeitung steht. Dies spiegelt sich auch in den Kritikpunkten. Besonders oft wurde mangelnde Relevanz bemängelt: zu viel Beliebiges, zu viel Unnötiges, zu viel Triviales.

Drittens schließlich: In allen von uns durchgeführten oder zweitausgewerteten Leserbefragungen kommt das Gefühl zum Ausdruck, mit beliebigen Informationen überflutet zu werden. Und je jünger die Befragten sind (also auch: je vertrauter mit dem Internet), desto stärker kommt genau dieses Unbehagen zur Sprache. Viele greifen in der Erwartung zur Tageszeitung, alles Wichtige der vergangenen 24 Stunden vorzufinden, zudem nach Relevanz, Bedeutung und Nutzwert gewichtet. Wie groß die Enttäuschung, wenn an einem beliebigen Wochentag auf Seite drei die letzten Menschenaffen am Kilimandscharo gezeigt, im Wirtschaftsteil ein Küchenmessererfinder porträtiert und auf der Aufschlagseite des Lokalteils ein Kochstudio vorgestellt wird. Der Effekt: die große Leser-Mehrheit überblättert solche Seiten, nur eine sehr kleine Minderheit hat an dem Zufallsthema Spaß.

Wir messen – darin ähnlich wie Readerscan – auch die Verweildauer auf den Seiten und in den Zeitungsbüchern. Die Befunde sind eindeutig: Mit der Abnahme der nachrichtlichen, aus Sicht der Leser relevanten Meldungen und Berichte sinkt auch die Nutzungsdauer. Und je kürzer die Nutzungszeit, desto leichter fällt dann, wenn die Rechnung kommt, die Abo-Abbestellung.

Beim Durchblättern verschiedener Regionalzeitungen fällt mir auf, dass manche Redaktion »die Kunst der kleinen Texte« zu verlernen scheint: die prägnante Überschrift, die mit konkreten Akteursinformationen versehene Unterzeile – und die Meldung, die präzise den Nachrichtenkern zu erkennen gibt. Die Redaktionen wollen wunderbar viel Hintergrund zeigen und vergessen dabei, die Leute erst einmal präzise ins Bild zu setzen.

Große Erzählgeschichten sind wunderbar. Aber nur, wenn sie eine bemerkenswerte Person oder Begebenheit auch wirklich interessant erzählen. Seien wir ehrlich: Eine personell »normal« ausgestattete Regionalzeitungsredaktion vermag pro Ausgabe vielleicht eine, manchmal auch zwei solcher Geschichten zu produzieren. Wer mehr davon bringen will, der blufft – und enttäuscht seine Leser. Denn auch das Gegenteil ist richtig: Nichts ist schädlicher als ein sprachlich verhunzter und inhaltlich belangloser Textlanglauf.

Fortsetzung folgt

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16. 2. 2009:
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