Viele Zeitungsverlage machen ihr Blatt jetzt zukunftstauglich: Ressorts werden umgebaut, coole Designs entwickelt und leserfreundliche Erzählformen eingeübt. Alles prima. Nur: Manche Renovierung zielt in die falsche Richtung, sagen die Befunde unserer Leser- und Nutzungsforschung.
In einer kleinen Serie greift Michael Haller Woche für Woche Relaunch-Irrtümer auf – nicht als Blattkritik, sondern im Sinne einer Hilfestellung
Die Beine hoch, die Augen zu
Kürzlich war ich gegen 18.30 Uhr mit jemand in der Inlandredaktion einer großen Regionalzeitung verabredet. Wir setzten uns an den langen Tisch, den man heute Newsdesk nennt, weil es dort so ruhig war: Nur zwei Kolleginnen der Onlineredaktion saßen vor ihren Monitoren, sie hatten Spätdienst, alles Übrige lag im Dunkeln.
»Wir brauchen keine Topaktualität in der Zeitung«, meinte der Kollege aus der Inlandredaktion, denn Internet, Twitter und die Smartphone-Apps liefern News ja bald in Echtzeit. »Da sehen wir sowieso alt aus«. In ihrer Redaktion stünde das Nachrichtenangebot der Zeitung schon am frühen Nachmittag fest, »Katastrophen natürlich ausgenommen«. Und bis zum frühen Abend seien alle Kommentare geschrieben und die von dpa nachgelieferten Aktualisierungen übernommen. »In Berlin ist ab 17 Uhr sowieso tote Hose«.
Nicht ohne Stolz zeigt er mir seine Beiträge der letzten Ausgaben: eine große Story zum hundertsten Geburtstag des britischen Geheimdienstes Secret Intelligence Service (mein Gesprächspartner ist ein bekennender GB-Fan), eine längere Geschichte über die Eis- und Schneeprobleme der Eisenbahnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (er ist ein Eisenbahn-Freak), dann noch einen langen Text über den Alltag ehemaliger Bundestagsabgeordneter im Verbreitungsgebiet der Zeitung (wurde vom Regionalchef bestellt). Jeder der Texte hatte mehr als 8.000 Zeichen. »Ich schreib gern so große Riemen.« Schön daran sei auch, dass man früh Feierabend machen und zuhause noch ein bisschen weiterschreiben könne. Spätdienst (»das ist bei uns nur noch Standby«) habe er nur jede vierte Woche.
Warum ich das erzähle? Weil diese Zeitungsredaktion an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. Und dieser Ast heißt »Leserinteresse«. Ich habe vorige Woche eine Fragebogenerhebung erwähnt, an der sich mehr als 4.800 Zeitungsleser beteiligt haben. Was ich dort nicht berichtet habe: Diese Leser wurden auch gefragt, »welche Eigenschaften an ihrer Lokalzeitung« ihnen denn besonders wichtig seien. Dazu erhielten sie eine Liste mit zehn Merkmalen, darunter Vollständigkeit, Glaubwürdigkeit, Unterhaltung, Service, kritische Berichterstattung und anderes mehr. Den höchsten Rang erzielte – mein Gesprächspartner in der Redaktion kam aus dem Staunen nicht heraus – das Merkmal »Aktualität«. Den zweiten Rang bekam »Glaubwürdigkeit«, während das Merkmal »Erklärung von Zusammenhängen« nur einen mittleren Rang hinter »verständliche Sprache« und »Service« erklomm. Auch das Alter spielt eine Rolle: Je jünger die befragten Leser, desto wichtiger ist ihnen die Aktualität in Verbindung mit »Einordnen«.
Andere Daten weisen in dieselbe Richtung. Wir haben vor mehreren Monaten gemeinsam mit mehreren Zeitungsverlagen ein Leserpanel eingerichtet, mit dem wir knapp tausend Leser immer aufs Neue zu ihrer aktuellen Mediennutzung befragen. Keiner der Leser ist älter als 55 Jahre, alle sind berufstätig, alle haben Internetzugang und sind mit Email vertraut, denn unsere Befragungen finden online vermittels Email-Link statt.
Ein für unser Thema zentraler Befund geht so: Die deutlich überwiegende Mehrheit der Leser hat ihr Informationsverhalten seit (man möchte sagen: trotz) World Wide Web praktisch nicht verändert: Zwei Drittel nutzen abends Fernsehnachrichten, drei Viertel nach dem Aufwachen Radio und zum Frühstück »ihre« Zeitung. Das Web nutzen 40 Prozent nur gelegentlich; und die, die es nutzen, tun dies erst im Laufe des Vormittags am Arbeitsplatz, manche nochmals am Nachmittag, viele dann in der Feierabendzeit. Das Web besitzt für die große Mehrheit der Befragten keine journalistische Informationsfunktion; nur eine kleine Minderheit der Zeitungsleser schaut gelegentlich bei Spiegel-online oder bild.de vorbei oder klickt google news.
Auch morgen und übermorgen möchten die Abonnenten zum Frühstück eine möglichst aktuelle, möglichst informative, möglichst gut geschriebene, zudem anregende, auch geistreiche Zeitungslektüre. Wir haben auch gefragt, was sie am stärken bemängeln (würden). Prompt haben viele der Befragten mangelnde Aktualität reklamiert: In ihrer Zeitung werde oft zu flüchtig berichtet, mitunter nicht einmal das, was am Abend zuvor die Fernsehnachrichten gebracht hätten. Aus Lesergesprächen in Fokusgruppen wissen wir, dass sich viele Leser eine nachrichtliche Vertiefung dessen wünschen, was in den Radio- und Fernsehnachrichten flüchtig vorbeigerauscht ist. Und am liebsten wäre es ihnen, wenn die Zeitung diese überregionalen Ereignisse (soweit möglich) gleich ins Regionale oder Lokale herunterbrechen würde.
Ich habe den Inlandredakteur gefragt, warum seine Redaktion den Dienst nicht einfach um drei Stunden verschieben würde. Gewiss, um 11 Uhr braucht es eine Planungskonferenz für die Berichterstatter und Korrespondenten, doch die Hauptarbeitszeit müsste zwischen 16 und 22.30 Uhr liegen. So könnten auch noch die News aus den USA verarbeitet und zudem die Fernsehnachrichten »weiter gedreht« werden – und den Abonnenten zum Frühstück eine gegenüber den TV-Nachrichten aktuellere, informativere Zeitung liefern. Drucktechnisch sei das kein Problem, gab der Kollege zu. »Aber das kannst Du bei uns in der Redaktion nicht durchsetzen.« Jetzt stand mir der Mund offen.
Es dauere nicht mehr lang, wandte ich ein, »da müsst ihr noch viel aktueller arbeiten, weil Eure Zeitung auch per E-Reader angeboten wird«. Er winkte ab und lächelte gelangweilt. Mir schien, er rechnete sich gerade im Kopf aus, ob er bis dahin nicht schon in Rente gegangen ist.
Fortsetzung folgt
9. 2. 2010:
Lang und immer länger
16. 2. 2009:
Interessant ist, was noch niemand weiß