
Viele Zeitungsverlage machen ihr Blatt jetzt
zukunftstauglich: Ressorts werden umgebaut, coole Designs entwickelt
und leserfreundliche Erzählformen eingeübt. Alles prima. Nur:
Manche Renovierung zielt in die falsche Richtung, sagen die Befunde
unserer Leser- und Nutzungsforschung.
In einer kleinen Serie greift Michael Haller Woche für Woche
Relaunch-Irrtümer auf – nicht als Blattkritik, sondern im
Sinne einer Hilfestellung
Mögen Sie Boulevard?
Erinnern Sie sich an die 82. Oscar-Verleihung am ersten Märzwochenende – und auch daran, was dann am 9. März in Ihrer Regionalzeitung darüber zu lesen war, auf der Frontseite, im Feuilleton und auf der Seite Vermischtes (oder Panorama oder Leute)? Haben Sie die Texte gelesen unter Überschriften wie diese: »Die Golden Girls kamen in Silber« oder »Silberstreif und kalte Schultern« oder »Ein Ton in Teint war angesagt« plus Bildergalerie mit Helen Mirren und Colin Firth und Sandra Bullock und George Clooney und natürlich Christoph Waltz, dazu verschiedene Texte darüber, wer über welches Outfit was gesagt hat, wer den Oscar wofür bekommen hat und wer von den Aspiranten leer ausgegangen ist? (Quellen: dpa, AFP, rtr).
Das alles und noch viel mehr hatten 65 Prozent der Zeitungsleser am Abend zuvor bereits im Fernsehen gesehen, knapp ein Viertel über Videos im Internet, wie eine Blitzumfrage zeigte. Was also konnten, was sollten da die Regionalzeitungen machen, zumal sie – im Unterschied zur Süddeutschen und FAZ – über keine Korrespondenten verfügen? Ganz verzichten? Dennoch ganz groß bringen? Eine schwierige Frage, weil bei solchen Themen die Bildschirmmedien sowieso attraktiver sind.
Wir haben zehn Regionalzeitungen am 9. März durchgesehen. Alle zehn brachten natürlich die Nachricht, wer in Hollywood was wofür bekommen hat. Sieben der zehn machten mit einer Bildergeschichte auf, sechs der zehn brachten eine ausführliche Berichterstattung über die Prominenten und Schönen bei der Preisverleihung (Schwerpunkt: Outfit), nur vier der zehn Blätter legten den Schwerpunkt ihrer Berichte (Titelgebung, Vorspann, Textinhalt) auf die Filme und Rollen, die prämiert wurden.
Vielleicht denken Sie: Was soll’s, unsere Leser wollen die Promi- und Glamour-Geschichten, so viel Boulevard muss sein. Die Befunde, die wir mit unserer Leserforschung gewonnen haben, weisen in eine etwas andere Richtung.
Keine Frage, Bildergeschichten über Stars und Sternchen werden wahrgenommen. Unsere Blickverlaufsmessungen belegen zweifelsfrei, dass auch in der Regionalzeitung Glamour und Sex wahrgenommen werden, nicht anders als Kriminal- und Katastrophenbilder und nicht anders als Baby- und Hundegeschichten. Diese Reflexe funktionieren, egal welches Medium wir vor uns haben. Ähnliche Befunde produziert auch der Readerscan-Lesestift, obwohl hier die Testleser ihren Stift bewusst einsetzen müssen und die soziale Erwünschtheit zu Verzerrungen führt.
Und doch erleben die Leser diese Themen in ihrer Regionalzeitung anders. Wir haben in den vergangenen drei Monaten rund 700 Leser verschiedener Regionalzeitungen im Rahmen unseres Online-Leserpanels gefragt, was sie in den vergangenen drei Tagen wo und wie intensiv gelesen bzw. genutzt haben und was nicht. Daraus ergaben sich viele Aufschlüsse. Was die vermischten Themen des Boulevards betrifft, so besagt der wichtigste dieser Aufschlüsse dies: Die Leser lesen solche Geschichten sehr wohl. Aber sie wünschen sich erstens eine besondere Perspektive, und sie möchten zweitens keine ausufernden Bildberichte: knapp und pointiert soll es bitteschön sein: weniger ist oft mehr.
Mit »besonderer Perspektive« meinen die Leser, dass die Zeitung die Promi-Nachricht zwar bringen, aber nicht das wiederholen soll, was sie Stunden zuvor über die elektronischen Medien nun schon bunter, breiter, lustiger zur Kenntnis genommen haben. Sie erwarten von ihrer Zeitung vielmehr, dass sie zur Bedeutung dieses Promi-Events etwas sagen kann: Wie erklärt es sich, dass Prinz August von Hannover für seine zwei Ohrfeigen 200.000 Euro Geldstrafe zahlen soll? Wieso ist das gerecht? (Meldungen vom 09. März). Oder: Was ist davon zu halten, dass sich ausgerechnet Putin »mehr für die Gleichberechtigung von Frauen in Russland« einsetzen will (dpa)? Und was bedeutet es – um auf die Einstiegsszene zurückzukommen –, wenn Hollywood weder »Avatar« noch »Das weiße Band«, sondern den Irak-Soldatenfilm »The Hurt Locker« von Kathryn Bigelow mit dem Oscar in den Himmel hebt?
Von den durchgesehnen zehn Regionalzeitungen brachte eine einzige einen erklärenden Bericht (nämlich eine konkrete Schilderung der politisch wirksamen Aussage dieses Films im Unterschied zu »Avatar«), die anderen Blätter wiederholten den oberflächlichen Promi-Flachs, vom dem die Mehrheit der befragten Leser sagt: So was erwarte ich von meiner Zeitung eigentlich nicht.
Fazit: Boulevardthemen sind auch in Zukunft angesagt, aber sie stärken die Leserbindung nur dann, wenn sie treffen und erklären können. Denn besonders hier wird sich das Lesemedium Zeitung von den flüchtigen Bildschirmmedien noch stärker abgrenzen und sich anstrengen müssen. Intelligent gemachter Boulevard ist die Flaniermeile, auf der fast alle Leser Lust zum Schlendern haben.
Fortsetzung folgt
4. 3. 2010:
Die vielen bunten Bilder
24. 2. 2010:
Ab ins Lokale?
16. 2. 2010:
Die Beine hoch, die Augen zu
9. 2. 2010:
Lang und immer länger
16. 2. 2009:
Interessant ist, was noch niemand weiß