
Viele Zeitungsverlage machen ihr Blatt jetzt
zukunftstauglich: Ressorts werden umgebaut, coole Designs entwickelt
und leserfreundliche Erzählformen eingeübt. Alles prima. Nur:
Manche Renovierung zielt in die falsche Richtung, sagen die Befunde
unserer Leser- und Nutzungsforschung.
In einer kleinen Serie greift Michael Haller Woche für Woche
Relaunch-Irrtümer auf – nicht als Blattkritik, sondern im
Sinne einer Hilfestellung
Brauchen wir Twitter?
Sollen wir unseren Volontären Filmkameras mitgeben? Bringen wir nicht viel zu wenig Slideshows? Müssen wir nicht dringend iPhone-fähige Apps entwickeln (lassen)? Haben wir nicht viel zu wenige Blogs auf der Website?
In vielen Regionalzeitungshäusern wird Woche für Woche diskutiert, ob man mit neuen Techno-Tools mithalten solle, aus Angst, die jungen Leute könnten das Webangebot des Hauses für verschnarcht und langweilig halten. Motto: Wir brauchen Traffic und neue User, und die holen wir mit diesen neuen Tools herein.
Stimmt das? Wenn Sie Zeitungsleser meinen, die doch bitte Ihre Website nutzen mögen, dann führt diese Innovations-Euphorie ins Leere. Berufstätige Erwachsene ab Mitte Dreißig interessieren sich kaum noch für solche Apps; sie wollen vielmehr bemerkenswerte Inhalte, die interessant präsentiert werden. Das unbestechliche Messverfahren „Eyetracking“ (Blickverlaufsmessung) zeigt, dass inhaltlich belanglose Videos die Web-Nutzer eher irritieren denn animieren: Sie verlassen nach dem Ende des Videos sogleich die Seite, ohne zu sehen, was es dort sonst noch gibt. Das bedeutet: Ein schlecht gemachtes Video ist schlimmer als gar keines, denn es wertet die fragliche Webseite insgesamt ab: Die Verweildauer auf der Seite sinkt. Langweilige Fotos einer Slideshow indessen sind harmlos, jedenfalls konnten wir keinen negativen Effekt auf die Verweildauer erkennen.
Man kann sich diese unterschiedliche Wirkweise psychologisch erklären: Die Menschen verhalten sich umso toleranter, je weniger sie sich in ihrer persönlichen Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Das willentliche Durchklicken durch eine Bilderfolge empfinden die Nutzer als einen selbst gewollten, mithin freiheitlichen Akt. Ein Video hingegen erzählt eine Geschichte, deren Dramaturgie dazu »zwingt«, die ganze Geschichte anzuschauen – und sei es eine blödsinnige und zudem schlecht gemachte (wir sprechen hier von kurzen Videos, die meist weniger als 180 Sekunden dauern). Der User-Leser reagiert frustriert und »bestraft« die Webseite, die ihn so enttäuscht hat, indem er sich wegklickt.
Dass die Qualität der Inhalte erheblich mehr zählt als die vielen interaktiven Dienste, die von den meisten Websites zusätzlich angeboten werden, dies meinen auch die rund 1.100 berufstätigen Zeitungsleser, die wir am IPJ im Rahmen unseres Online-Leserpanels befragen. Diejenigen, die zumindest gelegentlich die Website ihrer Zeitung besuchen (knapp die Hälfte der Befragten), finden Blogs und Podcasts ganz unwichtig, gefolgt von Videonews und Bildergalerien. Am wichtigsten aber finden sie »weiterführende Informationen zu Themen aus der Zeitung«, aber auch die Archivfunktion zum Auffinden älterer Beiträge und, damit verbunden, die Suche-Finde-Funktion der Website.
Dasselbe Bild zeigt sich, wenn man die Panel-Teilnehmer fragt, welche der Dienste sie »in den letzten drei Tagen« tatsächlich genutzt haben. Am häufigsten wurde der Nachrichten-Liveticker genannt (21,5 Prozent der Online-User), dicht gefolgt – man staune – vom E-Paper (knapp 20 Prozent). Am wenigsten gebraucht wurden Weblogs und RSS-Feeds (nur von 7,5 bis 8,5 Prozent der User). Auch hier: Der Inhalt zählt.
Das sind überraschende Befunde, und mancher wird jetzt vielleicht denken, wir hätten zu wenige oder diese nicht korrekt befragt. Es ist nicht so. Denn mit diesen Einsichten stehen wir nicht alleine. Unter der Überschrift »Journalistische Inhalte mehr gefragt als Twitter und Co.« veröffentlichte das Marktforschungsinstitut TNS Emnid in Bielefeld eine Repräsentativerhebung, die ebenfalls knapp 1.100 Befragte umfasste, davon 56 Prozent »Onliner mit Zeitungsnutzung«. Die Bielefelder Demoskopen kamen zu denselben Befunden wie wir. In ihrem am 19. März publizierten Bericht heißt es: »Ein Viertel der Befragten weiß nichts von der Möglichkeit, sich Videos zu den Nachrichten auf den Websites anschauen zu können. Entsprechend niedrig ist der Anteil der Nutzer: Lediglich vier Prozent haben diese Angebote auf den Websites der Tageszeitungen bereits genutzt – ähnlich gering ist der Anteil derjenigen, die sich diese Angebote dort überhaupt wünschen. Auf niedrigem Niveau liegen auch die Zahlen für RSS-Feeds, also der Möglichkeit, zeitnah über Nachrichten und Neuigkeiten auf der Website informiert zu werden. Ebenso wenig wie Multimedia-Angebote werden etwa der Microbloggingdienst Twitter mit der regionalen bzw. lokalen Tageszeitung assoziiert: Lediglich zwei Prozent der Zeitungsleser mit Online-Zugang haben diesen auf den Zeitungswebsites genutzt oder wünschen sich dort ein derartiges Angebot.«
Man kann die Erkenntnisse aus diesen zwei Erhebungen zum Nutzungsverhalten der User/Leser so zusammenfassen: »Die vielen interaktiven Apps und Tools mögen für junge Webfreaks berauschend sein; wir jedoch wollen uns über aktuelle Ereignisse zuverlässig und detailliert ins Bild setzen und wünschen von unserer Zeitung deshalb eine Website, mit der wir vertiefende Informationen und nutzwertigen Service möglichst schnell und zielsicher finden können.«
Viele der mit Videos, Apps und Tools überfrachteten Webauftritte müssten gründlich überarbeitet und entschlackt werden, damit sie diese im Grunde simplen Erwartungen erfüllen können.
Fortsetzung folgt
17. 3. 2010:
Worauf sind wir stolz?
11. 3. 2010:
Mögen Sie Boulevard?
24. 2. 2010:
Ab ins Lokale?
4. 3. 2010:
Die vielen bunten Bilder
24. 2. 2010:
Ab ins Lokale?
16. 2. 2010:
Die Beine hoch, die Augen zu
9. 2. 2010:
Lang und immer länger
16. 2. 2009:
Interessant ist, was noch niemand weiß