Was Magazin-Leser glauben

Was ist falsch an der hoch dekorierten SPIEGEL-Geschichte von René Pfister? Die Egon Erwin Kisch-Jury kritisierte die vorgetäuschte Authentizität der Schilderungen. Ein vom IPJ durchgeführter Lesetest kommt zu anderen Ergebnissen: Den Lesern geht’s vielmehr um die Glaubwürdigkeit des Textes.

Die Jury des Egon Erwin Kisch-Preises hat ihren dem Journalisten René Pfister zuerkannten 1. Preis vier Tage später, am 8. Mai, wieder aberkannt. Ihre Begründung lautete folgendermaßen: » … durch eigene Bekundung Pfisters (wurde) bekannt, dass die Eingangspassage der preisgekrönten Reportage, eine detaillierte Schilderung von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses, entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors beruht. Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.«

Dieses Authentizitätsprinzip wurde von der Chefredaktion des SPIEGEL postwendend in Abrede gestellt: Die Schilderungen seien sachlich zutreffend (d.h. unstrittig). »An keiner Stelle hat der Autor behauptet, selbst in dem Keller gewesen zu sein.«Und die Chefredaktion ergänzt: »In der Vergangenheit sind bereits öfter Geschichten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem.« (beide Texte  beim Spiegel).

Journalistische Texte, auch Reportagen, sind keine Kunstwerke, sondern dienen der Vermittlung von Inhalten: Die Leser, Zuhörer und Zuschauer wollen (sollen) möglichst zutreffend ins Bild gesetzt werden. Zu klären ist also, wie der fragliche Text in den Köpfen der Leser funktioniert: Wird ihnen Authentizität vorgespielt? Fühlen sie sich zutreffend über die Person Seehofer ins Bild gesetzt oder eher irregeführt? Halten Sie die in Frage stehenden Schilderungen für wahr?

Zu Beginn dieser Woche (9. und 10. Mai) haben wissenschaftliche Mitarbeiter des IPJ in Frankfurt, Hamburg und Leipzig den Text von Pfister einem Lesetest unterzogen: In den drei Städten haben 45 Erwachsene zwischen 30 und 50 Jahren (keine regelmäßigen SPIEGEL-Leser; formale Bildung: mindestens mittlere Reife), die weder den Text noch den Jury-Entscheid kannten, die Spiegel-Geschichte (per Faksimile) zur Lektüre vorgesetzt bekommen (hier als HTML-Fassung ).

Anschließend beantworteten sie einen Fragebogen, der sich auf die zur Diskussion stehenden ersten vier Absätze bezog. Sie konnten angeben, wie sie die Schilderungen der Modelleisenbahn-Szene in Seehofers Keller verstanden haben, welchen Wahrheitsgehalt sie der Schilderung zuschreiben, ob ihnen die Schilderungen authentisch erschienen, ob Ihnen Authentizität wichtig sei und anderes mehr (solche Testlesergruppen sind nicht repräsentativ, aber bilden dominante Verhaltensweisen der fraglichen Zielgruppe dennoch ab).

Die für das Streitthema zwischen Jury und SPIEGEL-Redaktion relevanten Ergebnisse sind vielschichtig. Hier die vier wichtigsten:

  1. Rund drei Viertel der Testleser (31) hielten die Schilderungen für wahrhaft. Die am häufigsten genannte Begründung bezog sich auf die Glaubwürdigkeit des Mediums (»weil der Spiegel gut recherchiert«), die zweithäufigste auf den Kontext (»weil der Text insgesamt stimmt, glaube ich auch diesen Schilderungen«). Dass hier Authentizität vorgespielt wird (»weil der Verfasser an Ort und Stelle war«), nannte nur jeder 7. Leser als Grund (6 von 45).
  2. Immerhin knapp die Hälfte der Testleser (21 von 45) hat sich die Frage nach der Authentizität der Schilderungen gestellt (»ich habe mich beim Lesen gefragt, ob der Verfasser selbst im Keller war«). Doch nur ein Drittel hat dieser Frage eine größere Bedeutung zugeschrieben (»Würden Sie dem Bericht mehr glauben, wenn der Verfasser im Keller war?«). Für die Mehrheit der Testleser war entscheidend zu wissen, ob das, was sie lesen, auch zutreffend ist.
  3. Knapp zwei Drittel der Testleser fanden die Schilderungen nützlich bzw. hilfreich, um sich für das Thema »Seehofer« zu interessieren (»die Schilderungen haben mir die Hauptperson nahe gebracht«). Rund jeder dritte Leser (14 von 45) war aber (auch) der Meinung, dass solche Schilderungen Meinungsmache betreiben, versteckte Wertungen transportieren und den Protagonisten in ein schlechtes Licht rücken (»solche Schilderungen verfolgen auch den Zweck, die Person negativ zu bewerten«).
  4. Rund vier von fünf Testlesern (38 von 45) gaben an, dass sie beim Lesen gern gewusst hätten, woher der Verfasser seine Informationen hat (»im Text sollte genannt werden, woher die Informationen stammen«); nur ein Viertel fand, dass der Verfasser vom Quellenschutz Gebrauch machen darf.

Fazit: Für die meisten Leser ist das Problem der vorgespielten Authentizität nicht entscheidend; wichtiger ist ihnen die Quellentransparenz: Sie wollen dem Autor nicht blind vertrauen. Am wichtigsten aber ist Ihnen die Glaubwürdigkeit des Angebots, die sich aus der Glaubwürdigkeit des Mediums und der des Gesamttextes zusammensetzt. Die alte Erfahrungsregel gilt auch hier: Wer im Heft oder im fraglichen Text Fehler entdeckt, der glaubt dem ganzen Rest nicht mehr. Die Schilderungen Pfisters erschienen der überwiegenden Mehrheit der Leser als glaubhaft.


Michael Haller

(Mitarbeit: Holger Frohwein, Hans-Peter Rossel, Gina Hofrath)

Letzte Aktualisierung: 11. Mai 2011

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