Für die Zeitung von morgen –
Crossover-Trends zwischen Print und Online

Keine Frage: Die Zukunft der Zeitung ist crossmedial. Doch wie sieht die beste Strategie aus? Darüber diskutierten rund 80 Redaktionsleiter, Journalisten, Verlagsmanager und Medienwissenschaftler auf der internationalen IPJ-Tagung »Für die Zeitung von morgen«.

Welche Erwartungen hat der Leser? Wie nutzt er das Medien-Überangebot in Zeiten des Webs 2.0? Welche Anforderungen stellt er an die Mediengestaltung? Prof. Dr. Michael Haller, wissenschaftlicher Direktor des IPJ, führte ins Thema ein und fand auch ermutigende Worte für die angereisten Medienmacher: »Die Zeitungslektüre am Frühstückstisch ist immer noch die primäre Informationsquelle der Menschen. Und: Alle Tageszeitungen in Deutschland haben gemeinsam eine doppelt so große Reichweite wie das Internet.« Jedoch lautete eine seiner zentralen Überzeugungen: »Die Zeitung hat kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Die Schnittmengen mit anderen Medien sind derzeit zu groß«. Dabei wünschten sich die Leser von ihrer Zeitung etwas anderes, als sie im Internet bekommen könnten: vor allem Orientierung im Informationsdickicht, vermehrt Lokales sowie einen kritischen und glaubwürdigen Journalismus.

Im Rahmen der Tagung stellte das IPJ sein deutschlandweit eingerichtetes Online-Leserpanel vor und präsentierte erste Ergebnisse. Mit besonderem Interesse aufgenommen wurde der Befund, dass auch bei Tageszeitungen das Image der Printausgabe auf die Beurteilung ihres Web-Auftritts übertragen wird: Was in der Zeitung für gut gehalten wird, das ist auch beim Webauftritt gut. Überraschend gering scheint auch das Leserinteresse an Skandal- und Promi-Geschichten zu sein.

Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung lag auf der »Eyetrack«-Forschung zur Mediengestaltung und -wahrnehmung. Internationale Experten der Blickverlaufsforschung im Online- und Print-Bereich wie der schwedische Kognitionswissenschaftler Kenneth Holmqvist (Universität Lund) oder Sara Quinn (Poynter Institute/Florida) zeigten, wie zeitgemäßes Mediendesign aussehen muss: Form und Inhalt müssen gleichermaßen funktional und attraktiv sein, um Leser zu binden.

In ihren Vorträgen machten die Tagungsreferenten deutlich, dass der Crossover zwischen Print und Online kein Selbstzweck sein darf. »Die Zukunft ist nicht in erster Linie crossmedial, sondern lesernah. Bei allem, was wir tun, muss immer die Frage im Zentrum stehen, was wir unseren Lesern auf welchem Weg bieten können«, sagte Journalist und Medienberater Peter Schink, der über die derzeit verfügbaren digitalen Nachrichtenkanäle sprach.

Jan Paul von der Wijk vom niederländischen Verlag NRC schloss sich dieser Meinung an. Zudem forderte er: »Wir müssen da sein, wo die Leser sind. Und wenn das nun mal Facebook ist, dann muss man dorthin gehen«. Der NRC-Chefdesigner und Preisträger des European Newspaper Awards 2008 zeigte auf, wie es seinem Verlag in den vergangenen Jahren durch crossmediales Arbeiten gelungen ist, Auflagenverluste des Stammblatts NRC Handelsblad abzufangen. Mit seinem Tabloid-Ableger nrc.next gewinnt das Medienhaus insbesondere junge Leser und ist in sozialen Netzwerken aktiv.

Doch sind Social Media-Angebote nicht vielmehr nur schnelle Hypes? Die US-amerikanische Multimedia-Expertin Regina McCombs rät dazu, soziale Netzwerke ernst zu nehmen. »Facebook mag wieder verschwinden, aber die damit zusammenhängende Art der Kommunikation wird sich nicht mehr ändern. Wir müssen bereit sein zu experimentieren«. In ihrem Vortrag stellte McCombs aktuelle Crossmedia-Trends in den Vereinigten Staaten vor. Anhand ihres preisgekrönten Projekts »13 Seconds in August« veranschaulichte sie die vielfältigen Möglichkeiten, die sich aus dem Zusammenspiel von Text, Audio und Videoelementen ergeben können. Letztlich sind es vor allem Kreativität und Mut, die Erfolg versprechen.

Alexander Laboda

22. Februar 2010

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion: Jan Paul van der Wijk, Regina McCombs und Prof. Michael Haller. Mehr Fotos in einem neuen Fenster (JavaScript muss aktiviert sein, damit das Fenster öffent).

Eine Auswahl der zu den Vorträgen gezeigten Präsentationen,
die allerdings die Vorträge nicht ersetzen können:

Michael Haller (PDF, 1,5 MB): Crossover-Nutzungstrends zwischen Print und Online

Manuel Thomä (PDF, 0,5 MB): Welche Channels die Leser/User für welche Themen nutzen. Ergebnisse aus der Leserpanelforschung des IPJ

Peter Schink (PDF, 6,9 MB): Crossmedial Reichweite aufbauen – Strategien für die Redaktionspraxis

Jan Paul van der Wijk (PDF, 6,7 MB): NRC Next – wie Verzahnung zwischen Online und Print aussehen kann

Michael Haller, Sebastian Feuß (PDF, 1,3 MB): Aus der Eyetrack-Forschung des IPJ: Wie sich Leser lokale Medienangebote erschließen – und wie diese attraktiver werden können

Peter Schumacher (PDF, 4,9 MB): Design-Trends crossover: Wie gestalten wir die Zeitung in Zukunft?

Regina McCombs (PDF, 2,5 MB): Crossmedial gegen die Krise: was wir von den USA lernen können – und was nicht